Dient das digitale Zeitalter noch dem Menschen?

Die Schattenseite der technologischen Revolution
Unsere Welt wird zunehmend von Konsum, Kapitalüberfluss und neuen technologischen Innovationen bestimmt und die Geschwindigkeit dieser Entwicklung nimmt rasant zu. Im neuen Jahrtausend sind wir bereits Zeugen von neuer Robotertechnik und vielen Internet-Innovationen geworden, initiiert von zahlreichen Unicorns – Start-Up-Unternehmen mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde US-Dollar vor einem Börsengang oder einem Exit. Das Wachstum der digitalen, virtuellen, technologisierten Welt, in der immer neue Start-Ups auf Basis von schnellem, billigen Kapital aus dem Boden schießen, wird für Unternehmen, Staaten und auch für den einzelnen immer undurchschaubarer und unkontrollierbarer.

Dass die Digitalisierung nicht aufzuhalten ist, steht außer Frage. Die technologische Revolution dient allerdings nicht allen Menschen gleich. In erster Linie profitieren davon einige privilegierte Anleger, die eine enorme Anzahl an neuen Projekten vorantreiben. Die Rentabilität der technologischen und digitalen Innovationen ist dabei nicht entscheidend. Manche der Start-Ups geben bis zu 70 Prozent ihres Umsatzes nur für das Marketing aus. Was zählt, ist einzig das schnelle Wachstum, und das speist sich aus immer neuen, frischen Geldquellen. Woher aber kommt dieses Geld? Vor allem von denjenigen Menschen, die seit der jüngsten Weltwirtschaftskrise ängstlich geworden sind und ihr Geld lieber sparen, als es anzulegen.

Paradox, oder? Durch die Vorsicht der Anleger wuchs der weltweite Kapitalstock und er tut es noch. Für Spareinlagen erhält man allerdings heutzutage nur sehr wenig oder sogar nichts. Am 13. Juli 2016 gab Deutschland ein Novum aus: eine 10-jährige Regierungsanleihe mit einem Zinssatz von 0 Prozent aus. Für die viele Menschen und Organisationen war das Angebot dennoch attraktiv, weil es immerhin keine Verluste bedeutete.

Frisches Kapital für leere Hüllen?
Mit der in früheren Zeiten bewährten keynesianischen Maßnahme versuchte die Politik, die Weltwirtschaftskrise 2008 zu lösen: man pumpte Geld in die Wirtschaft und damit gingen automatisch die Kapitalkosten zurück. Der weltweite Kapitalüberfluss und die günstigen Investitionsmöglichkeiten öffneten damals die Türen für die neuen Start-Ups und technologische Innovationen. Dank der geringen Zinssätze blieben die Hürden für innovative Ideen niedrig, so dass immer mehr Projekte gestartet werden konnten. Seit 2009 erhöhte sich die Anzahl der weltweiten Unicorns auf über 180. Twitter, Snapchat, Instagram sind nur einige Beispiele. Insgesamt wird diese Gruppe mit mehr als 700 Milliarden US-Dollar bewertet.

Neue Start-ups müssen nicht einmal rentabel sein, da sie sind nicht von öffentlichen Geldern abhängen und keine Dividenden ausschütten müssen. Solange sie im Wachstum begriffen sind, finden sie in der Regel immer neue private Mittel zur Finanzierung. Besonders in neuen und aufstrebenden Märkten, etwa in China, nimmt dieser Trend zu. Dennoch stellt sich irgendwann die Frage: Ist das Unternehmen tot oder lebendig? Kann die Gewinnschwelle mit dem zur Verfügung stehenden Kapital tatsächlich erreicht werden? Bei Liquiditätsengpässen stützen viele ihre Bilanz einfach mit frischen Geldern und erhalten Finanzspritzen von den Investoren, obwohl sie nicht wirklich rentabel sind.


Der Mensch im Fokus des Wachstums
Die aktuelle Entwicklung schafft eine Kluft zwischen den Normalbürgern und den wenigen Insidern, die als Investoren in Millionen- oder sogar Milliardenhöhe profitieren. Wenn Regierungen und verantwortliche Institutionen bei dieser Entwicklung nur zuschauen und den Menschen vergessen, wird das bald fatale Folgen für unsere Volkswirtschaften haben, denn die Kluft wird wachsen und das soziale Ungleichgewicht immer weiter fördern. Technologische Innovationen bei der Hard- und Software verringern den Personalbedarf und verursachen Arbeitslosigkeit. Am meisten werden davon wieder diejenigen betroffen sein, die ihr Geld zu sparen versuchen.

Wenn wir nicht beginnen, die Zukunft aktiv zu gestalten, wird dies ernste Konsequenzen haben. Es wird keine leichte Aufgabe sein, die aktuellen Trends umzulenken oder teilweise zu wenden, da die Risiken und Folgen in unseren komplexen Gesellschaften kaum klar vorhersehbar sind. Dennoch sollten wir immer wieder fragen, ob eine technologische Innovationen wirklich notwendig ist, ob sie hilft, das Leben zu verbessern oder nur leere Hülle ist. Warum steckt man die verfügbaren Mittel nicht lieber in dringend benötigte Infrastrukturprojekte? Der Technologie-Hype darf nicht den Blick auf den Menschen verstellen, sonst gibt es am Ende dieser Revolution zu viele Verlierer.